
Diesen Brief erwarb ich im August 2023 innerhalb eines Konvoluts verschiedener Kuverts mit Inhalt und Münchner Provenienz. Es ist eine Sendung aus München an die Wiesbadener Familie Reichenwallner, die im ersten Satz mit „Mama“ angesprochen wird. Der sich mitteilende Sohn konnte schnell über den Kopf des personalisierten Briefpapieres identifiziert werden: Balduin Reichenwallner, wohnhaft in der Schellingstraße 37, mit Atelier im vierten Stock des Rückgebäudes. Doch „Wer war Balduin Reichenwallner?“ fragt nicht nur ein Beitrag zur Rechtsphilosophie im Lexikon des Juraforums. Heute ist Reichenwallner weitestgehend vergessen, wenngleich das Stadtarchiv Wiesbaden einige Archivalien zu seiner Familie aufbewahrt.
Eine Antwort auf die Frage dürfte aber sein: Vieles! Sprachtalent, Poet, Dramaturg, Romanautor, Naturkundler, Musiker, Maler, Radierer, Soldat, Völkerverständiger. Und vielleicht wäre er noch einiges mehr, bedeutender und berühmter geworden, wenn er nicht früh und unter unbekannten Umständen im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen wäre.
Balduin Ferdinand Julius Carl Reichenwallner, so sein vollständiger Name, wurde am 18.06.1889 in Wiesbaden geboren. Dort machte er 1910 am Humanistischen Gymnasium sein Abitur. Welchen seiner Neigungen er im Anschluss nachgehen wollte, war ihm noch nicht klar und so studierte er zunächst Malerei in Mainz, bevor er für weitere Studien nach München zog. Aus dieser Zeit nun stammt der Brief, der über den vielseitigen Tatendrang des 24jährigen Zeugnis ablegt, welcher sich im Briefkopf bereits selbstbewusst als Schriftsteller und Radierer bezeichnete:
[…] Erstlich bin ich Schriftführer der „Vertrags-Vereinigung Deutscher Künstler“ geworden und habe dadurch die Berichterstattung für das „Geistige Eigentum“ und den „bayrischen Kourier“. Zweitens bin ich auf Grund von 18 meiner Arbeiten Mitarbeiter des Literaturblattes „Frühling“ geworden, den ich allmählich ganz zu mir herüberzuziehen denke, um ihn meinen Zwecken dienstbar zu machen. Sobald meine Sachen erscheinen, schicke ich sie euch zu. Mein neues Drama „Novemberstürme“ hat den Beifall maßgebender Persönlichkeiten. Man rechnet auf starken Bühnenerfolg. Ich will Manuskripte herstellen lassen und selbst den Theatervertrieb überwachen. Da das Stück fast gar keinen szenischen Aufwand erfordert, ist die Chance auf Annahme groß. Ich habe sehr viel Mut und Selbstbewußtsein. Nun wälzt sich mir im Geiste auch der Gedanke an die Gründung eines modern literarischen Kabaret[t]s, wozu schon alle Mittel in die Wege geleitet sind. Der Saal wird kostenlos von einer Pension gestellt, die geeigneten Mitwirkenden sind schon ins Auge gefaßt. Warten wir ab.“ […]
Zu den meisten Verwirklichungen dieser Pläne ist es vermutlich nicht gekommen. Bald schon suchte er in Dresden sein Glück. Der Erste Weltkrieg beendete vorerst aber all seine künstlerischen und humanistischen Ambitionen. Erst nach dem Krieg sollte München wieder eine Rolle in seinem Leben spielen, wählte er hier seinen Lebensmittelpunkt und betätigte sich künstlerisch und schriftstellerisch. 1921 heiratete er an gleichem Ort seine Wiesbadener Nachbarin Gertrud Prüsse. Auch ihr gemeinsamer Sohn Till wurde ein Jahr später in München geboren. Seine Freundschaft mit dem Literaten Hanns Amon mündete in seiner Mitarbeit im „Bildungswerk des arbeitenden Volkes“ sowie bei den Zeitschriften „Darwin“, „Der Lichtbringer“ und „Der Eigene“.
Mitte der 1920er Jahre wurde er zum Freidenker und Sprecher der Münchner Gemeinden, bevor er 1927 endgültig München verließ. Es folgten Stationen in Waldenburg, Berlin und Breslau, wohin er mit seiner Familie 1932 übersiedelte. Im Zweiten Weltkrieg erneut eingezogen und an unterschiedlichen Standorten eingesetzt verlor sich seine Spur Ende Januar 1945. Erst 1970 ließ ihn seine Familie für tot erklären.