21. Januar 1920 – „Orientbegeisterung“ in München sponsored by Ludwig III.

Der Orient fasziniert die europäischen Gelehrten Mitteleuropas seit Jahrhunderten, wenn nicht noch länger. Allerdings wurde der Begriff geografisch und kulturell immer wieder unterschiedlich definiert. Im 19. Jahrhundert stieg das Interesse erneut an dieser Region, die zu dieser Zeit neben dem Nahen Osten und Teilen Asiens auch Südosteuropa und den Balkan mit umfassten. Auch in Bayern und in München gab es interessierte Laien und Wissenschaftler, die sich 1901 unter dem Protektorat König Ludwigs III. von Bayern zur Münchner Orientalische Gesellschaft e.V. zusammenschlossen.

Generalsekretär des Vereines war der Philologe, Linguist und Ethnologe Adolf Dirr (1867-1930). Er war Kaukasusforscher in und Für Tiflis in Georgien und gehörte im Ersten Weltkrieg der Deutschen Kaukasus-Truppe unter General Kreß von Kressenstein in Georgien an. Bereits seit 1913 war er Konservator am ethnologischen Museum für Völkerkunde in München, dem heutigen Museum Fünf Kontinente. In Untermenzing erinnert heute noch die Dirrstraße an den Gelehrten.

Auch ein anderer Sohn Münchens war Teil des Vereins. Der Kunsthistoriker Max Kemmerich (1876-1932), der sich mit zweifelhaften Esoterikschriften und durch extremen Geschichtsdeterminismus hervorgetan hat, war der geschäftsführende Präsident der Orientalischen Gesellschaft. Sein Interesse lag vermutlich in der eigenen Familiengenese begründet: der Vater war Kaiserlich Türkischer Generalkonsul, sein Großvater besaß ein Hotel im ägyptischen Kairo.

Ein assoziiertes Mitglied der Orientalischen Gesellschaft war schließlich der Münchner Kaufmann Wilhelm Köhler, der sein Spezialgeschäft für Buchdruckerei am Karlsplatz 16 hatte. Er erhielt am 28. Januar 1920 folgendes Einladungsschreiben der Gesellschaft per Post:

Die Einladung lässt keine Zweifel aufkommen, was die Zuhörer an diesem Abend erwartete: Der vereinseigene Generalsekretär spricht über Albanien – Land und Leute. 1 Mark Eintritt war mit beginnender Inflation 1920 vermutlich für alle Münchner und Studenten erschwinglich. Laut Kaufkraftrechner wären dies heute ca. 65 Cent. Das Vortrags-Skript von Adolf Dirr kenne ich nicht, ich stelle mir die abendliche Präsentation aber so ähnlich vor, wie eine späte Univeranstaltung mit Diavortrag. In der letzten Reihe sitzt ein HiWi und schaltet die in der Einladung beworbenen „Lichtbilder“ weiter, während Dirr über albanische Lebensweisen referiert.

Da Dirr aber ein ausgewiesener Kaukasus-Spezialist war, mag er den ein oder anderen Bezug zu den östlichen Gebirgsgebieten aufgezeigt haben. Vermutlich wird er es sich in diesem Zusammenhang auch nicht nehmen lassen haben, sein im selben Jahr erscheinendes Buch Kaukasische Märchen anzukündigen. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte: es sollte sein Bestseller werden.

Eine kleine Besonderheit ist mir dann auch noch auf der Postkarte aufgefallen: Die Frankierung wurde mit einer Bayern Nr. 95 aus dem Jahre 1914 vorgenommen, die das Konterfei König Ludwigs III. zeigt (oben). Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg war Bayern aber keine Monarchie mehr und wurde unter der Nachfolgeregierung mit Kurt Eisner Volksstaat Bayern genannt. Ab 1919 wurde daher das Porträt König Ludwigs III. auf bestehenden Briefmarken mit dem Aufdruck „Volksstaat Bayern“ überdeckt (unten), auch um gegen das monarchische System Position zu beziehen. Zum 01.04.1920 verlor Bayern dann sogar endgültig die eigene Posthoheit an das Deutsche Reich. Die Münchner Orientalische Gesellschaft hatte aber anscheinend noch genügend „unzensierte“ Briefmarken gehortet und so konnte sie die Einladungen 1920 noch mit dem strahlenden Protektor ihres Vereins versenden.

Bayern Nr. 95, Ausgabe 1914
Bayern Nr. 117 geschnitten, Ausgabe 1919

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