Aus der Zeit um 1900 begegnen mir immer wieder Postkarten der Arbeiter-Pensionskassen, auf denen Zahlungsanweisungen zu finden sind. Diesen historischen Zeugnissen der Finanzbürokratie kann ich im Grunde nicht viel abgewinnen, das nachfolgende Schriftstück eines Motorsportpioniers zeichnet aber gleichzeitig dessen Weg durch Europa nach – mit Station in München.
Am 20.09.1873 erblickte Ferenc Szisz in Szeghalom – damals noch Doppelmonarchie Österreich-Ungarn – das Licht der Welt. Wie schon sein Vater (militärischer Reitmeister) und seine drei Brüder (Kaufmann, Kutschen-Bauer, Militärreiter) ergriff auch Ferenc einen handwerklichen Beruf und betätigte sich zunächst als Schlosser, Schmied, Kupferschmelzer sowie Eisenbahningenieur.
Nach seinem Militärdienst ging er nach Budapest, wo er als Reifenmechaniker arbeitete. Sein Interesse an der Automobilindustrie war geweckt, allerdings suchte er größere Herausforderungen – und mehr Geld?
In den späten 1890er Jahren arbeitete Szisz daher in Karosserie- und Automobilfabriken. Zuerst in Prag und Brünn, anschließend in Graz und zuletzt in München. Der Aufenthalt an der Isar scheint jedoch nur von kurzer Dauer gewesen zu sein. Zwar geben einige Artikel die Firma Bosch als Szisz‘ Münchner Arbeitgeber an, eine Meldeadresse konnte ich bisher jedoch nicht ausmachen. Aus seiner Sicht war es nur die logische Konsequenz seine Reise bald fortzusetzen – und zwar über das Elsass nach Paris, DEM Zentrum der Automobilproduktion jener Zeit.
Am 22.06.1899 traf Ferenc Szisz in der französischen Hauptstadt ein und begann seine Arbeit in den Werken von Renault:
„I admit that my first impression wasn’t exactly one of splendour. Hitherto I’d only worked in large establishments and the Renault factory in those days was a simple wooden shack. I just couldn’t take the company seriously.“
Trotzdem wollte er künftig in Paris bleiben, anstatt nach München zurückkehren. Mit diesem Entschluss, noch in einem Hotel wohnend, setzte er vermutlich die Postkarte vom 19.07.1899 auf.


Offensichtlich hatte Szisz bei seiner Arbeit in München Sozialabgaben geleistet, von denen ihm noch Geld zustand: “Untergezeichnet bitte um meine zurückgehörende 1 Mark (eine Mark) und etliche pfennige; – ein teile von der eingezahlten Summe, auf meiner Adresse nach zu schicken. Achtungswohl Franz Szisz. Paris 15. Rue Beaunier 15. Hôtel de l’Esperance”.
Aus dem eingedeutschten „Franz“ sollte alsbald schon „Francois“ werden. Sein Talent und sein Engagement blieben seinen Vorgesetzten nämlich nicht verborgen und so wurde er befördert, an der Rennwagenentwicklung mitzuarbeiten. 1900 wurde er Leiter der Testabteilung und arbeitete Seite an Seite mit Louis und Marcel Renault; bis 1901 noch als führender Mechaniker der Rennwagen, 1902 dann bereits als Co-Fahrer Marcels für das Rennen Paris-Wien.
“I could speak German and, as the route took in my homeland, he brought me with him. Thus I emerged from the workshop onto the race track.”
Nach weiteren Renneinsätzen, firmeninternen Rückschlägen (tödlicher Rennunfall Marcel Renaults) und Umstrukturierung der Rennorganisation stand Szisz‘ größter Erfolg aber noch bevor. Im Jahr 1906 sollte er beim neuen Rennformat Grand Prix de ‚Automobile Club de France für Renault an den Start gehen. Trotz widriger Bedingungen von über 40°C Außentemperatur und flüssigen Asphaltspritzern, gewann das Team um Szisz mit großem Vorsprung. Er führt damit die ewige Liste der Sieger an, die noch heute beim Formel-1-Grand Prix von Frankreich ermittelt werden.
Die Prämie für den Sieg 1906 waren nicht nur 45.000 Franc, sondern auch die französische Staatsbürgerschaft für den gebürtigen Ungarn Szisz. Als 1986 in Budapest die Formel-1-Strecke Hungaroring eröffnete wurde, widmete man außerdem die erste Kurve dem legendären ersten Grand Prix Sieger Ferenc Szisz. An seine Station bei Bosch in München erinnert nurmehr die kleine Postkarte mit seinem Autograph.




